Suceava – Bosanci – Fălticeni – Siret – Bălăceana 2009

Aus dem Tagebuch:

Auf den Straßen rund um Suceava ist Vorsicht geboten: Allerorts sind Pferdegespanne unterwegs, die man im Dunkeln leicht übersieht. Ihre teilweise rustikal gekleideten Lenker repräsentieren für uns eine Welt, die in Österreich wohl schon vor mehr als 100 Jahren versunken ist.
Der Besuch bei den bedürftigen Familien wird zu einer Begegnung, in der sprachliche Barrieren durch Gesten der Gastfreundschaft und Dankbarkeit völlig in den Hintergrund treten. Die Decken, mit denen wir die Lebensmittel zu den Familien befördern, wiegen so schwer, dass wir sie zu zweit tragen müssen: Reis, Nudeln, Wurstwaren, Konservendosen, Öl, Oliven, Obst, Süßigkeiten und Hygienartikel kommen zum Vorschein, wenn wir in den Wohnungen unsere Decken ausbreiten. Viele Familien, so versichert uns Pater Ionel, können von diesen Lebensmitteln bis zu Ostern zehren.
Im ersten Haus, in dem wir herzlich empfangen werden, treffen wir auf ein kleines autistisches Mädchen. Beim Abschied begleitet uns ihre Großmutter bis zum Auto, strahlt übers ganze Gesicht, wirft uns freudig Kusshände zu und hüllt uns in hundert Segenswünsche.
Danach fahren wir zu einer 74-jährigen Frau, die uns in offenen Schuhen entgegentritt und deren ausgeleierte Socken bis über die Knöchel rutschen. Es fällt schwer, beim Anblick ihres Wohnraums unsere Betroffenheit zu überspielen: Sie hat kein fließend Wasser, keinen Strom, nur ein dünnes Kerzchen flackert fahl im einzigen Zimmer. Als sie unser Weihnachtsgeschenk entgegennimmt, steigen ihr Tränen in die Augen.
Die dritte Familie erschüttert uns am meisten: Seit Jahren ist die Frau, die wir besuchen, psychisch krank, spricht wirr und ohne Unterlass. Trotz der niedrigen Temperaturen hat sie nur einen dünnen Stoff um ihre Hüften gewickelt. Ihr Mann, der niedergeschmettert auf dem Bett sitzt, wirkt innerlich erloschen, ausgehöhlt. Ein dumpfer, sprachloser Schmerz liegt in seinen Augen. Das Elend hat sich dort so stark eingenistet, ist auch körperlich so stark spürbar, dass wir tief durchatmen, als wir wieder gehen und uns eingestehen müssen: Unser Hilfspaket ist der bescheidene Versuch, ein wenig Wärme und Anteilnahme zu geben, doch die Last dieses Familienschicksals bleibt übermächtig bestehen.
Balaceana: Das ganze Dorf hat ein Fest organisiert, um uns mit Gesängen, Tanzvorführungen und mehreren Theaterszenen zu begrüßen. Die Begeisterung und das aufgeregte Treiben der Kinder zieht uns ganz in ihren Bann. Kaum beginnen wir mit der Verteilung der rund 250 Päckchen, flutet uns bereits eine große Menschentraube entgegegen. In stiller Erwartung stellt sich so mancher Knirps auf die Zehenspitzen und hofft, auf einem der übereinander gestapelten Geschenke bereits sein Namensschild zu erspähen.
Wir alle haben für die Übergabe „Frohe Weihnachten“ auf Rumänisch eingeübt, doch wieder einmal sprechen die glänzenden Kinderaugen für sich.
Die Kleinsten drohen unter der Last ihres Geschenks in die Knie zu sinken und werden von ihren Müttern oder Vätern auf ihre Plätze zurückbegleitet. Gabriela, die Leiterin und des Waisenheims von Falticeni, erzählt uns bei der Begrüßung, dass wir von den Kindern bereits sehnsüchtig erwartet werden. Wenn Gabriela von ihren Schützlingen spricht, schwingt in jedem Satz so viel Wärme und Liebe mit, dass man sich wünscht, es gäbe mehr Menschen von ihrem Geiste und ihrer Güte. „Wenn ihr diese Buben und Mädchen
anschaut, dann wirken sie auf euch vielleicht wie ganz gewöhnliche Kinder, doch sie alle haben schon sehr viel erlebt und erlitten. Es ist so traurig, wenn man ihre Biografien kennen lernt“, sagt sie und bedankt sich für unser Kommen.
Bei der Geschenkübergabe wird viel geklatscht, gejubelt, gelacht, und Gabriela hat recht: Was die Kinder erlebt und überlebt haben, ist tief in ihrem Inneren verborgen.

Wir spüren jedoch, wie viel es ihnen bedeutet, dass wir gekommen sind, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten.

Der Verein „Grenzen Überschreiten“ möchte Dank sagen im Namen all jener, denen durch diese Weihnachtsreise ein Funke Hoffnung, Anteilnahme und Menschlichkeit zuteil wurde. Wir danken ganz besonders unseren rumänischen Helfern Vasil, Pater Adi, Monika Ionel, dem Roten Kreuz Purkersdorf, allen freiwilligen Helfern und Mitstreitern und vor allem denjenigen, ohne die diese Reise nicht möglich gewesen wäre, unseren Mitgliedern und Spendern:

Vielen Dank und Frohe Weihnachten! Craciun Fericit!