Letzte Weihnachtsreise 2023

Freitag

Pünktlich um 12:50h startet unser – bis auf den letzten Platz besetzter – Flieger nach Iasi. Wir reisen zu viert. Dieses Jahr begleitet uns Ingeborg, eine unserer langjährigsten und treuesten Unterstützerinnen.

Direkt nach der Landung erhält Fredi bereits einen Anruf unseres Autovermieters und nur kurze Zeit später sitzen wir in unserem weißen VW Polo. Auch in unserer Reisegruppe gibt es das interessante Phänomen: der einmal gewählte Sitzplatz im Auto wird völlig selbstverständlich bis zur Rückgabe des Wagens unverändert beibehalten. Manche Plätze sind sogar nach mehrjähriger Reisepause gleich besetzt: traditionell am Fahrersitz, unser Präsident Stoffl. Sämtliche online Navi-Systeme schlagen eine neue Route vor und wir reisen auf wirklich gut ausgebauten Straßen in ca. 2,5 Sunden nach Suceava.

Nach dem Check-in im (für uns neuen Hotel) Balada spazieren wir durch einen wunderbar winterlichen Park und den zentralen Weihnachtsmarkt zu dem Restaurant, in dem wir mit einigen unserer früheren Stipendiaten verabredet sind. Wir freuen uns alle sehr über das Wiedersehen mit E. und ihrer Schwester I. (zwei Schwestern aus der großen Familie P.). Zeugnisse müssen wir dieses Jahr keine mehr kontrollieren, auch unsere letzte und jüngste Stipendiatin E. hat ihre pädagogische Ausbildung vor rund 1,5 Jahren abgeschlossen. Seit damals arbeitet sie, wie sie uns beim Essen ausführlich berichtet, mit großer Begeisterung als Kindergartenpädagogin. Ihre ältere Schwester I. hat dieses Jahr geheiratet und arbeitet nun im Unternehmen ihres Mannes mit. Dieser führt drei kleine Geschäfte für Heimtextilien und wie wir uns am nächsten Tag überzeugen können unterstützt I. ihn tatkräftig als Verkäuferin.

Das Restaurant hat Ingeborgs Stipendiat J. für uns ausgesucht und reserviert. Mit J. verbindet uns alle schon eine lange Geschichte, die Ingeborg so zusammenfasst: „Mit GÜ kam ich vor mittlerweile 16 Jahren in Kontakt, um zum damals neuen Projekt Stipendien für talentierte Jugendliche mit geringen finanziellen Mitteln beizutragen. Eine lokale Kontaktperson hat sorgfältig die Auswahl getroffen und mir wurde J. anvertraut. Meine Erfolgsgeschichte ist, dass J. durch diese Unterstützung sein erstes Studium erfolgreich abgeschlossen und den Berufseinstieg geschafft hat. Im Lauf der Zeit konnte er einen Job in der Provinzhauptstadt bekommen und hat berufsbegleitend ein zweites Studium absolviert. Seit 2022 ist er verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes. Wir hatten von Beginn an eine sehr schöne und vertrauensvolle Beziehung, die über die Jahre gewachsen ist. Seine Entwicklung vom „ungeduldigen“ jungen Mann zum ernsthaften Studenten und nun zum verantwortungsbewussten Familienvater macht mich stolz.“

Auch der Medizinstudent A. hat sein Studium bereits abgeschlossen. Im Spital in Cluj macht er seit zwei Jahren seine Facharztausbildung als Anästhesist. Diese wird noch weitere drei Jahre in Anspruch nehmen, von denen er eines in Irland absolvieren möchte. Er ist mit seiner sympathischen Freundin aus Cluj gekommen und wie immer ist es besonders nett sich mit ihm zu unterhalten.

Auch M. ist aus Cluj angereist. Er hat zwar seine letzte Prüfung noch nicht gemacht, aber dafür steht er arbeitstechnisch bereits mitten im Leben. Er hat schon während des Studiums nebenbei zu arbeiten begonnen und nach ganz unterschiedlichen beruflichen Stationen arbeitet er nun für einen US-amerikanischen Konzern als Sachbearbeiter am Telefon. Dass er dafür zu amerikanischen Bürozeiten mit den Kunden sprechen muss, ist für ihn nur ein kleiner und akzeptabler Nachteil.

Nach dem wirklich guten Essen und vielen interessanten und erfreulichen Gesprächen verlassen wir als letzte Gäste das Lokal. Wir spazieren zum Hotel zurück – die Luft ist kalt und nebelig, an den Bäumen haben sich dicke Reifschichten gebildet und die Stimmung im Park ist richtig feierlich.

Samstag

In unserem Programm ist Samstag traditionell der längste und intensivste Tag, so auch dieses Jahr.
Wir starten mit einem ausgiebigen Frühstück im Hotel, da bereits absehbar ist, dass zum Mittagessen keine Zeit sein wird. Ingeborg wird den Vormittag mit Stipendiat J. und seiner jungen Familie verbringen. Wir (Stoffl, Fredi und Barbara) sind um 10 Uhr bei Pater Adi und seiner Familie in Bosanci eigeladen. Unsere gemeinsamen Projekte haben wir schon vor einigen Jahre abgeschlossen, aber da es vermutlich unsere letzte Weihnachtsreise ist, wollen wir ihn unbedingt wiedersehen. Sein Vater Pater Ionel, seine Frau Monica und seine vier Kinder erwarten uns schon und die folgenden 1,5 Stunden vergehen wie im Flug.

Dann müssen wir auch schon wieder weiter, weil wir uns für 12 Uhr zu einem Besuch im Heimtextiliengeschäft von Is. Mann verabredet haben. Wir lernen auch Is. Mann, einen sympathischen und geschickten (er näht die bestellten Vorhänge selbst) jungen Rumänen kennen. J. kommt mit Ingeborg zum Geschäft und nach ein bisschen plaudern geht’s weiter nach Falticeni.

Gabriela, ihre Kolleginnen und ihre Schützlinge warten schon auf uns. Zirka 1,5 Stunden verbringen wir mit intensiven Gesprächen. Gabriela gibt uns Einblicke in ihrer Arbeit, die seit dem letzten Treffen nicht einfacher geworden ist. Sie erzählt uns von einzelnen Kindern und Jugendlichen, zwei ihrer Kolleginnen geben uns Informationen zu den verschiedenen von GÜ finanzierten Projekten und wir erfahren, wie viele staatliche Kontrollstellen in ihrer Institution ein- und ausgehen und unter anderem Dinge beanstanden für deren Instandsetzung eine andere Stelle keine Handwerker schickt. Wir sind wieder einmal unglaublich beeindruckt vom Einsatz dieser Menschen (das Team besteht bis auf eine Ausnahme nur aus Frauen). Neben Gabriela kennen wir auch einige ihrer Kolleginnen seit vielen Jahren. Die mit dem Spendengeld durchgeführten Projekte sind wieder genauestens mit Rechnungen, Beschreibungen und Fotos in einem Ordner dokumentiert. Vor Ort beschließen wir einen Spendenaufruf zu starten um auch 2024 finanzielle Unterstützung leisten zu können.

Dank der großartigen Unterstützung unserer Packerlpat*innen und der Spedition Gebrüder Weiss sind wir, nach der Besprechung mit Gabriela und ihrem Team Teil einer wunderbaren Weihnachtsfeier mit persönlichen Geschenken für alle Kinder. Danach besuchen wir, wie jedes Jahr noch verschiedene Wohneinheiten. Besonders schön ist wieder der Besuch bei den Kindern mit unterschiedlich starken Einschränkungen.

Wir dürfen dabei sein, als sie die Geschenke öffnen und miterleben, wie sehr sie sich über jedes einzelne Stück in den Kartons freuen. Die Freude ist unglaublich berührend und wie genau und ausführlich alle Bestandteile des Pakets angesehen und bestaunt werden, bestätigt uns darin, die Weihnachtspaketeaktion auch weiterhin durchzuführen. Neben all der Freude die wir miterleben dürfen, sehen wir aber auch, wie schwierig und anstrengend die Arbeit der Betreuerinnen ist und wie groß die Verantwortung. Gabriela und ihrem Team sind im Rahmen der Zuständigkeit für behinderte Kinder und Jugendliche auch zwei besonders schwierige und betreuungsintensive Patienten zugewiesen worden. Das Team bemüht sich nach Kräften, aber eine Verbesserung des Zustandes ist wohl kaum erreichbar.

Am Ende verabschieden wir uns am Gehsteig vor einer der Wohneinheiten von Gabriela und ihrer Kollegin. Eigentlich auch nicht anders als in früheren Jahren. Wir wünschen uns frohe Weihnachten und Glück und Gesundheit für das neue Jahr. Es fühlt sich nicht so an, als wäre es für immer, vielleicht weil darüber gerade keiner von uns so recht nachdenken will.

Auf der Fahrt zurück nach Suceava reden wir über das Erlebte, es beschäftigt uns alle.
Wir sind mit unserem langjährigen Freund Vasile zum Abendessen verabredet. Ohne ihn wäre wahrscheinlich keiner von uns jemals in diesen Teil Rumäniens gereist. Wir treffen uns in einem Lokal, in dem wir meinen wirklich die ersten Österreicher, vielleicht sogar die ersten Touristen jemals zu sein. An den Tischen rund um uns sitzen große Familien. Es wird Geburtstag gefeiert. Die Stimmung ist heiter und auch wir lassen uns gern davon anstecken. Wir plaudern mit Vasil, essen rumänische Spezialitäten und auch J. kommt noch einmal auf ein Getränk vorbei.

Sonntag

Frühstück um 8 Uhr und danach check-out und Fahrt zur nahe gelegen Kirche, in der Pater Adi seit einiger Zeit als Priester tätig ist. Wir lauschen den meditativen Gesängen der Kantoren und betrachten die Malereien an den Wänden. Die ganze Messe wird ca. 3 Stunden dauern, so lange bleiben wir nicht.

Um 10 Uhr sind wir mit Vasile und seiner Frau verabredet. Wo wir 2019 noch eine Baustelle besichtigt hatten, steht heute ein sympathisches Wohnhaus mit Café und Buchhandlung im Erdgeschoss. Die Zeit bis zu unserer Abfahrt Richtung Iasi verbringen wir mit angeregten Gesprächen, in einem charmanten Café. Um 12:30h müssen wir dann doch Richtung Flughafen aufbrechen. Nach kurzer Beratung mit Vasile und Zineca beschließen wir – wie die Einheimischen – die alte Route nach Iasi zu wählen. Die Fahrt erweist sich als etwa gleich lang aber dann doch ein bisschen authentischer (Straßenzustand, Verkehrsaufkommen, Schafherden), was aber dank Tageslicht und Stoffels langjähriger Fahrpraxis auf rumänischen Straßen kein Problem darstellt. Die restliche Rückreise erfolgte problemlos. Nur in das Verfassen unseres Spendenaufrufs haben wir uns am Flughafen so sehr vertieft, dass wir namentlich zum Boarding eingeladen wurden.